KATASTROPHE IN PONTIAC?
31. Dezember 1975 - Silvester-Show
von Richard Allen
Übersetzung: NICI (Deutschland)
Die meisten Elvis-Fans sind mit dem fantastischen Konzert vertraut, das Elvis am Neujahrsabend
1976 in Pittsburgh gab. Ein kompletter Mitschnitt der Show wurde auf Bootleg veröffentlicht und
alle Fans, die das Glück haben ein Exemplar dieses Vinylalbums zu besitzen, werden sicherlich
zustimmen, dass Elvis eine einwandfreie Darbietung ablieferte und in guter Verfassung war. Das
Cover ist wohl wahrscheinlich das Beste, das jemals für eine Elvis-Veröffentlichung produziert
wurde - offiziell wie inoffiziell. Die unlängst erschienene CD-Version ist qualitativ ebenfalls
auf einem sehr hohen Niveau.
Ich las kürzlich einen Artikel, welcher Elvis' zweites Neujahrskonzert der siebziger Jahre
überprüfte. Dieser gefiel mir und ich stimmte bis auf eine Ausnahme in jeder Hinsicht mit diesem
überein. Er enthielt einen flüchtigen Hinweis auf das vorangegangene Neujahrskonzert
vom 31.12.75 in Pontiac und bezeichnete es kurzerhand als katastrophal. Ich möchte diese
Gelegenheit nutzen, um eine andere Sicht der Dinge darzulegen und Elvis' erstes Neujahrskonzert
nach seiner Rückkehr zu den Liveauftritten im Jahr 1969 noch einmal näher beleuchten.
Elvis befand sich im Dezember 1975 in Las Vegas, als gemeldet wurde, dass er ein spezielles
Neujahrskonzert im Footballstadion der Detroit Lions in Pontiac plane. Es sollte das zweite
Konzert überhaupt werden, das jemals im Silverdome stattfand. Im gleichen Monat spielten
"The Who" das erste Konzert. Der Bau des 55 Mio. Dollar teuren Stadions begann im Jahr 1973 und wurde
im Sommer 1975 abgeschlossen. Die Konzerte von "The Who" und Elvis waren die ersten einer Reihe
gewinnbringender Veranstaltungen, die zur Durchführung geplant wurden und das Ziel hatten, das
Risiko eines finanziellen Defizits für das Stadion zu verringern.
Der Colonel verhandelte bereits Wochen vor der Show mit dem Geschäftsführer der Anlage Robert
Rummell und dem Marketingleiter Gerry Brown, um viele der Details zu erörtern, die vor einem
Elvis-Engagement geklärt werden mussten. Er bat darum, dass für die Show die oberste - mehr als
20.000 Menschen fassende - Ebene leer und vom Rest des Stadions gesperrt bleiben sollte.
Der Grund dafür war, dass er jedem Zuschauer einen vernünftigen Blick auf die Show ermöglichen
wollte. Der Colonel war nicht der Meinung, dass man die Bühne von den Sitzplätzen der obersten
Ebene sehen könnte. Einige Zyniker behaupteten, der wahre Grund lag darin, dass Presley
andernfalls die Show nicht hätte ausverkaufen können, der Colonel jedoch immer eine
ausverkaufte Show für seinen Schützling erreichen wollte. Auch ohne diese Sitzplätze bedeutete
es für Elvis die größte Zuschauerkulisse, vor der er jemals in seiner Karriere gespielt hatte.
Es gab sieben- oder achttausend Plätze in der Arena des Stadions zum Preis von jeweils 15 $.
Die übrigen Eintrittskarten gab es ab 6 $. Man erwartete 63.000 Menschen, die gemeinsam mit Elvis
das Jahr 1976 und seinem 200-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit der USA, begrüßen sollten.
Es gab 102 luxuriös eingerichtete Suiten und ein "Main-Event" Restaurant für 600 Gäste.
Für 25 $ pro Person konnten Elvis-Fans, die bereits im Besitz einer Eintrittskarte waren,
vor der Show ein Abendessen einnehmen und anschließend zum Restaurant zurückkehren, um zu tanzen
oder auf der Party zu feiern, die bis vier Uhr morgens dauerte.
Der logistische Aufwand und die umfangreichen Vorbereitungen auf die Show waren mehr als
beeindruckend. In der Mitte des riesigen Stadions errichtete man eine runde zweistöckige Bühne,
etwa sechs Meter hoch und zwanzig Meter breit. Die Bühnenebene wurde mit Holzplatten abgedeckt
und anschließend mit etwa sieben- bis achttausend Plätzen bestuhlt, um die fest installierten
Sessel der unteren und mittleren Ebene des Stadions zu erweitern. Die besten Plätze waren etwa
zehn Meter von der Bühne entfernt. Man konstruierte einen speziellen, fünf Meter breiten,
zweieinhalb Meter hohen und 65 Meter langen Tunnel aus Spanplatten, der von der Garderobe bis
zur Bühne führte. 48 riesige Lautsprecher wurden kreisförmig um die Bühne platziert.
Das Wetter bereitete den Organisatoren in der Tat einige Probleme. Am Montag, den 29. Dezember,
waren die Arbeiter damit beschäftigt den großflächigen Parkplatz von riesigen Mengen Schnee zu
befreien. Ein Teil des Schnees wurde entlang der Zufahrtsstraßen angehäuft, um die
Verkehrskontrolle zu erleichtern. Die Schneebeseitigung wurde auch am Tag der Show fortgesetzt.
Sowohl der stadioneigene als auch unterstützende Parkplätze erwarteten um die 15.000 Fahrzeuge
und öffneten gegen 17.30 Uhr, etwa 3 Stunden vor Showbeginn. Zusätzlich beförderten Shuttle-Busse
die Fans gegen eine Gebühr von 1 $ von diversen Park & Ride-Standorten im Zentrum von Pontiac.
Etwa 125 Charterbusse brachten zudem die Fans aus den angrenzenden Gebieten. Darunter waren 40 Busse,
die kanadische Fans am Metro-Flughafen abholten. Die Verkehrsbetriebe von Südost-Michigan
bemühten sich sehr darum genug Fahrer zu finden, um den Shuttle-Service zu den nahegelegenen
Hotels aufrechtzuerhalten.
Man ging davon aus, dass die Fans, erst einmal in dem riesigen Stadion angekommen, sicher seien
vor den widrigen Wetterbedingungen. Das Gebäude verfügte über ein komplexes Steuerungssystem,
das die Kontrolle der Raumtemperatur ermöglichte. Der das Stadion beratende Ingenieur wurde
einige Tage vor dem Konzert mit der Aussage zitiert, man erwarte zum Zeitpunkt des Einlasses
eine Innentemperatur von etwa 13 °C und einen langsamen Anstieg auf 16 °C, auch für den Fall von
Minusgraden außerhalb des Stadions. Unglücklicherweise stellte sich dies als falsch heraus und
viele Fans beklagten sich über die Kälte. Was auch immer das Problem war, daraus resultierten
alles andere als perfekte Bedingungen für die Fans und Musiker (obwohl berichtet wird, dass
Elvis Kälte in solchem Maße schätzte, dass er in seinem Schlafzimmer die Klimaanlage so hoch
stellte, bis man seinen Atem sehen konnte).
Nachdem Elvis sein Engagement in Las Vegas beendet hatte, kehrte er nach Graceland zurück, um
dort das Weihnachtsfest zu feiern. Er flog darauf nach Los Angeles, um einige Zeit mit Lisa Marie
zu verbringen und anschließend zurück nach Graceland bevor er sich schließlich auf den Weg nach
Pontiac machte.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren innerhalb und außerhalb des Stadions sehr streng und wurden
sogar noch verstärkt als die Polizei einen 19-Jährigen verhaftete, der damit gedroht hatte Elvis
umzubringen. Der Mann wurde zu Hause aufgegriffen, nachdem er vor der Show drei Wochen lang unter
Beobachtung gestanden hatte. Die ersten Fans begannen um 19 Uhr an den Eingängen anzustehen und
um 20.30 Uhr eröffnete Jackie Kahane, der als Zeremonienmeister fungierte, die Show. Darauf
folgten bedauerlicherweise zwei Hillibillygruppen, die offen gestanden und nach Meinung von
Augenzeugen niemals zusammen mit Elvis Presley hätten auftreten dürfen. Ein Fauxpas des
Managements - wenn es einen solchen jemals gegeben hat. Die Dinge kamen nun in Bewegung.
J. D. Sumner und die Stamps hatten einen hervorragenden Auftritt, der "You'll Never Walk Alone"
und "When The Saints" beinhaltete. Anschließend spielten die Sweet Inspirations und ihr Auftritt
wurde von den Fans wie immer sehr positiv aufgenommen. Es folgte eine kurze Pause.
Einige Minuten vor 23 Uhr begann das Joe Guercio Orchester mit dem vertrauten 2001 Thema und
urplötzlich erschien Elvis, der in einem Golfwagen durch den Tunnel gefahren war, durch eine
Öffnung in der unteren Ebene der Bühne, wo sich die Band befand und wurde augenblicklich von
zehntausenden Blitzlichter geblendet und mit ohrenbetäubendem Applaus, Schreien und Rufen
empfangen. Elvis trug den Rainfall-Suit (ein weißer Jumpsuit mit königsblauen, kaskadenförmig
auf der Brust angeordneten Steinen), den er erstmals am Monatsanfang in Las Vegas getragen hatte.
Er sah gesund und fit aus und war schlanker als in einigen Shows zu Beginn des Jahres. Nachdem
er in die riesige bewundernde Menschenmenge und nach unten gesehen hatte, schien er überrascht
über die große Entfernung zum Boden unter ihm. Als er die Bandmitglieder begrüßte, stieg
Elvis einige Stufen nach oben auf die Plattform auf der er auftreten sollte.
Die Show begann wie gewohnt mit "C.C.Rider", "I Got A Woman/Amen" und "Love Me". Nach der
Wiederholung von "Amen" und dem Ende von "I Got A Woman" sagte Elvis:
"Vielen Dank. Guten Abend, meine Damen und Herren. Wie Sie sehen können, ist meine Hose
aufgerissen.", was in der Tat stimmte. Auf "Love Me" folgten gute Versioen von
"Trying To Get To You" und "And I Love You So". Dann spielte Elvis einige Oldies, namentlich
"All Shook Up" und ein "Teddy Bear/Don't Be Cruel"-Medley, "Heartbreak Hotel" und eine
ausgezeichnete Version von "One Night", die sehr an 'That's The Way It Is' erinnerte. Es folgte
ein sehr energiegeladenes und lautstarkes "Polk Salad Annie", zu dem Elvis sich viel auf der
Bühne hin und her bewegte und das er wirklich noch für den letzten Zuschauer spielte.
Er genoss diesen Song ganz offensichtlich, obwohl dieser bereits seit über fünf Jahren
Bestandteil des Repertoires war. An einer Stelle legte er das Mikrofon auf die Bühne,
nahm eine bissige Karatestellung ein und demonstrierte einige langsame Karatebewegungen, bevor
er den Song beendete. Elvis lief ein wenig die Bühne auf und ab, um wieder Atem zu holen und
erklärte: "Das war mein bislang bestes Jahr!" Dann entschuldigte er sich, dass er kurz seinen
Anzug wechseln müsse, versicherte jedoch dass er nicht lange dafür brauchen würde und bat die
Stamps, "Sweet Sweet Spirit" zu singen.
Als er zurückkehrte trug er den V-Neck-Suit mit gemusterten Puffärmeln und setzte die
Vorstellung der Musiker fort, zuerst die Stamps gefolgt von den Sweet Inspirations,
Sherrill Nielsen, Kathy Westmoreland und John Wilkinson. Elvis unterlief ein Fehler als er
James Burton mit den Worten "aus Los Angeles" anstelle von Shreveport vorstellte. Während James
spielte, rief Elvis mehrfach "What'd I Say". "Am Schlagzeug, aus Dallas, der hart arbeitende
Ronnie Tutt. Am Fender-Bass aus Vancouver, Kanada, Jerry Scheff. Am Klavier, aus Lubbock Texas,
Glen Hardin und am elektrischen Piano, aus Nashville, David Briggs." Elvis fuhr fort mit der
Vorstellung seines Dirigenten aus Las Vegas, Mr. Joe Guercio und dem fantastischen Joe Guercio
Orchester. Charlie Hodge wurde zu diesem Zeitpunkt nicht vorgestellt.
Es folgte "My Way" und Elvis bemerkte, dass er diesen Song in seinem TV-Special in Hawaii
gesungen hatte. Obwohl er die Noten ablies und einige Passagen wiederholte, beendete er den Song
dennoch fantastisch. Es folgte eine verkürzte Fassung von "Love Me Tender", aufgrund der Höhe
der Bühne ohne das übliche Küssen. Dann blitzte eine Tafel auf mit der Aufschrift
"Zwei Minuten bis 1976". Elvis verkündete, dass in ein paar Minuten das nächste Jahr anbrechen
würde und er bat die Zuschauer ihn bei "Auld Lang Syne" zu begleiten. Die Zuschauer zählten
gemeinsam die Sekunden herunter, wobei Ronnie Tutt bei jeder Zahl auf sein Schlagzeug schlug
und Elvis sang zum ersten Mal auf der Bühne einige Strophen von "Auld Lang Syne". Tausende
verschiedenfarbige Luftballons stiegen in die kalte Mitternachtsluft auf. Elvis sagte nach der
Show, dass es gut war, dass die Menge so laut geschrien habe, da er nur die erste Strophe des
Songs wusste.
Der erste vollständige Song den Elvis im Jahr 1976 sang war "How Great Thou Art". Darauf hatte
er sehr viel Spaß mit - "meine am besten verkaufte Platte" - "It's Now Or Never". Eine
exzellente Version, an der die Fans wirklich Gefallen fanden. Es folgte eine emotionsgeladene
Version von "America The Beautiful", die die Zuschauer veranlasste aufzustehen, wobei
Elvis' Stimme Probleme mit den hohen Noten hatte. Elvis dankte anschließend
"allen, die diese Show möglich gemacht haben" mit besonderer Erwähnung von Felton Jarvis und
Bill Porter. Er erinnerte sich daran Charlie vorzustellen und scherzte mit ihm darüber, dass
er es zuvor vergessen hatte. Die Zuschauer gingen offensichtlich davon aus, dass das Ende
gekommen war und reagierten wild, worauf Elvis meinte: "Wir gehen noch nicht. Was wollt ihr
hören?" Es folgte ein gute Version von "Hound Dog" und eine Zeile von "Wooden Heart", als sich
die Show schließlich dem Ende näherte. "Ich möchte Ihnen allen sehr danken, meine Damen und
Herren, und bis wir uns wiedersehen möge Gott sie segnen." Als "Can't Help Falling In Love"
beendet war, verließ Elvis relativ rasch die Bühne. Es gibt ein wundervolles Foto von Elvis,
aufgenommen von Shean Shaver, das meiner Meinung nach den Moment des Stolzes und der
Erschöpfung am Ende eines Elvis-Konzertes besser einfängt als jedes andere, das ich jemals
gesehen habe. Elvis steht mit ausgestreckten Armen dem Publikum gegenüber, den Kopf nach hinten
geworfen, die Augen geschlossen und er sieht absolut majestätisch aus, als er den Applaus der
größten Zuschauerkulisse, vor der er je gespielt hatte, entgegennimmt. Elvis kniete auf einem Knie
nieder, grüßte die Menge und verschwand in der Öffnung der Bühne durch die er etwa anderthalb
Stunden zuvor erschienen war.
Das war es also. Elvis verließ Pontiac und flog zurück nach Memphis in seinem Convair 880 Jet,
der Lisa Marie. War dieses Konzert eine Katastrophe? Mein Lexikon definiert eine Katastrophe
als ein großes plötzliches Unglück, ein komplettes Scheitern oder ein Unterfangen, das
fehlerhaft endet. Ich denke es wäre nicht fair, Elvis eine dieser Definitionen für sein erstes
Neujahrskonzert der "Konzertjahre" zuzuschreiben. Keine Frage, es war kalt (den Zuschauern
wurde empfohlen sich warm anzuziehen), die Akustik hätte besser sein können und Elvis schien
nervöser zu sein als gewöhnlich. Es ist nicht überraschend, dass Elvis etwas nervös war, was er
den Zuschauern mehr als einmal anvertraut hatte. Es war bis dato die größte Zuschauerzahl, vor der
er jemals gespielt hatte und der Schauplatz war nicht vergleichbar mit den wesentlich intimeren
Konzerthallen oder den Gastspielen in Vegas und Tahoe. Elvis war es gewohnt mit den
Bandmitgliedern und den Zuschauern zu kommunizieren, was unter diesen Bedingungen sehr
schwierig war. Er warf Halstücher in die Menge, die Sekunden brauchten bis sie bei den Zuschauern
unter ihm ankamen. Aber es gab wenig oder keine Gelegenheit Küsse zu verteilen, Geschenke
anzunehmen oder mit den Zuschauern zu "spielen".
Er machte einen guten Job und die Show hatte viele Höhepunkte, nicht zuletzt eine packende
Version von "Polk Salad Annie" und eine herzergreifende patriotische Fassung von
"America The Beatiful". Die Zuschauer applaudierten zehn Minuten lang nachdem er die Bühne
verlassen hatte. Die Kritiken waren im Allgemeinen positiv, mit Schlagzeilen wie:
"Der legendäre Elvis verblüfft die Stadionzuschauer des Neujahrabends" und "Elvis rüttelt sie
immer noch auf". In der Euphorie nach der Show gab es sogar Gerüchte, Elvis würde in der Zukunft
für eine große Show zurückkehren. Elvis hatte mit diesem Auftritt einen neuen Besucherrekord
für Solokünstler aufgestellt und begann das Jahr 1976 mit einem wirklichen Hoch.